Regeneratives Geld: Plädoyer für eine ökologische Geldschöpfung

Warum Geldschöpfung an ökologischen Aufbau gekoppelt werden sollte und wie ein Dual-Token-Modell diesen Ansatz im terra plena Projekt umsetzt.
Autor:in

Stephan Eisenbach

Veröffentlichungsdatum

2. August 2026

Read this article in English

Geld: Treibstoff für die Wirtschaft

Wie Elektronen im Stromkreislauf treibt zirkulierendes Geld die Wirtschaft an. Entscheidend ist die Art der Energiegewinnung: Sie bestimmt, wie sich das Gesamtsystem auf die Umwelt auswirkt.

Heute speisen vor allem Kraftwerke ein, die Ressourcen verbrauchen. Schritt für Schritt schließen wir nun regenerative Quellen an, sodass langfristig nur noch aus solchen Quellen neue Energie ins Netz gelangt. Strom, Leitungen, Geräte, Nutzer und Mechanismen innerhalb des Netzes bleiben dieselben, aber die Umstellung der Quelle auf erneuerbare Ressourcen verändert die Gesamtwirkung des Systems auf die Umwelt.

Übertragen auf das Geldwesen bedeutet das: Solange frisches Geld als Kapitalinstrument in Verbindung mit ökologischer Ausbeutung entsteht, sind die Auswirkungen verheerend. Ursache ist nicht das Geld an sich oder ein davon geprägter Kapitalbegriff, sondern die Art und Weise, die der Schaffung neuer Geldeinheiten zugrunde liegt. Die Art der Geldschöpfung entscheidet über die Auswirkung des Geldes. Geld kann erst dann eine konstruktive Wirkung entfalten, wenn seine Schöpfung konsequent an Regeneration bzw. Aufbau gebunden wird.

Ökologische Realität: ein systemischer Blindfleck

Ein gesundes Ökosystem bildet die Grundlage für jede wirtschaftliche Aktivität. Dennoch spielt diese Realität bei der inneren Betrachtung eines Wirtschaftsteilnehmers bislang keine Rolle. Die Ursache für diesen blinden Fleck liegt in der Art der Geldschöpfung: Fiat-Geld entsteht ohne Bezug zu ökologischer Leistungsfähigkeit, sondern gegen abstrakte Erwartungen und bisher im Grunde nur auf Kosten vorhandener Ressourcen.

Geld kann damit zwar als Recheneinheit und Tauschmittel zwischen mikroökonomischen Einheiten und als Bewertungsmaßstab fungieren, entbehrt aber einen entscheidenden Informationsgehalt über die äußere Realität: Ob die mit seiner Existenz verbundene Aktivität ökologisch aufbauend oder zerstörerisch war. Solange diese Auswirkung auf die ökologische Leistungsfähigkeit nicht in der verfügbaren Geldmenge kodiert ist, entsteht ein struktureller blinder Fleck, der das Verursachen ökologischer Schäden systematisch begünstigt.

Die unweigerliche Folge: ein falscher Kapitalbegriff

Wir sprechen von „Kapitalismus“, als ob Kapital automatisch Vermögen wäre. Tatsächlich messen wir Kapital heute mit einer Einheit, deren Entstehung mit Ressourcenzerstörung korreliert. Wenn Geld geschöpft wird, während Natur extrahiert oder übernutzt wird, wird reale Naturzerstörung zum Vermögen umdefiniert.

Kapital im eigentlichen Sinn ist das uns zur Verfügung stehende Leistungspotenzial des Ökosystems. Wird dieses Potenzial durch Ausbeutung geringer, sinkt das reale Kapital, das uns als Kollektiv zur Verfügung steht. Ein System, das zur Verminderung des ökologischen Leistungspotenzials führt, bedeutet unterm Strich Vermögensvernichtung und müsste korrekt als „Anti-Kapitalismus“ bezeichnet werden. Stattdessen nennen wir dieses System, das reale Vermögensgrundlagen (Bodenfruchtbarkeit, Wasser, Artenvielfalt) ständig ausbeutet und entwertet, „Kapitalismus“.

Jeder Wirtschaftsteilnehmer, dessen Kapital gemessen in dieser falsch definierten Begrifflichkeit der zugrunde liegenden Geldeinheit ansteigt, trägt auch ungewollt zur Ressourcenzerstörung bei, denn er absorbiert Recheneinheiten des Gesamtsystems, die nur aufgrund von Schäden im Ökosystem existieren.

Ein verhängnisvoller Glaubenssatz

Man kann das Problem als kollektiven falschen Glaubenssatz beschreiben: Geld bedeutet auf individueller Ebene Bereicherung, da es Kaufkraft verleiht, obwohl seine Existenz unter destruktiven Bedingungen objektiv zur Verschlechterung der allgemeinen Lebensgrundlagen beiträgt. Diese Wahrnehmung wird von der gegebenen Systematik getragen, solange der Geldschöpfung nicht ausschließlich aufbauende Aktivitäten zugrunde liegen.

Eine ökologisch sinnvolle Betätigung bedeutet in der Praxis deshalb die Überwindung wirtschaftlicher Hürden, da „das System“ darauf programmiert ist, Ausbeutung zu bevorzugen. Solange wir diesen falschen Kapitalbegriff nicht an seiner Wurzel korrigieren, verstärken die ihm folgenden Mechanismen den destruktiven Trend. Wettbewerb, Renditedruck, Skalierung: alles arbeitet gegen die ökologische Basis, solange Geld aus der Extraktion der Natur resultiert.

Wir denken, dass ein Nutzen nur da sein kann, wo andernorts ein Schaden ist. Diese falsche Auffassung zieht sich übertragen auch auf andere Bereiche fort und führt zu einer Wirtschaftsdynamik, die Ausbeutung in allen Bereichen begünstigt, bis die notwendigen Grundlagen soweit geschädigt sind, dass ein totaler Zusammenbruch als einzig logische Folge bleibt.

Korrektur: Geldschöpfung an ökologischen Aufbau koppeln

Die Wurzel liegt in der Geldschöpfung. Geld ist die Einheit, mit der wir Kapital messen. Wenn neues Geld bei gleichzeitiger Ressourcenzerstörung entsteht, ist die beschriebene Begriffsverschiebung vorprogrammiert.

Drehen wir diese Kopplung um, ändern sich die Auswirkungen des Gesamtsystems automatisch:

  • Kapitalzuwachs wird mit dem Aufbau von Ressourcen gleichgesetzt, nicht mit deren Verbrauch.
  • Neues Geld entsteht nur, wo regenerative, langfristig tragfähige Ökosystem-Potenziale aufgebaut werden.
  • Die gleiche kapitalistische Mechanik (Investition, Rendite, Wettbewerb) wirkt ab diesem Moment nicht mehr destruktiv, sondern aufbauend.

Wesentlich ist: Wir ändern nicht die innere Mechanik der Wirtschaft, sondern die äußere Wirkung und damit den Bezugspunkt zur Realität. Die Recheneinheit als zwischenbetriebliches Tauschmittel und Bewertungsmaßstab bleibt, aber sie trägt jetzt Informationen darüber, dass jeder zusätzliche Geldbestand an real erhöhtes Leistungspotenzial der Natur gekoppelt ist, das allen zur Verfügung steht.

Ein individueller Gewinn kann dann systemisch nicht mehr ohne einen Mehrwert für die Umwelt und das Kollektiv entstehen. Wir entfernen uns vom „Ein Plus auf der einen Seite bedingt ein Minus auf der anderen Seite“ und nähern uns dem natürlich symbiontischen Prinzip „Ein individueller Gewinn bedingt kollektiven Gewinn“. Ein Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich wird systemisch unterbunden, während der persönliche Anreiz zur wirtschaftlichen Betätigung erhalten bleibt.

Dual-Token Economics: wie Externalitäten zu internen Assets werden

Genau hier setzt das von mir entwickelte Dual-Token-Modell an. Es erfasst, was sich heute als reine „Externalität“ einer betriebswirtschaftlichen Bewertung entzieht, und macht es als funktionalen Money-Token buchhaltungsfähig. Es ergibt sich folgender Zweiklang:

  1. Ein „Asset-Token“: ein Commodity-Token, der den realen Anspruch auf eine erhältliche, regenerative, physische Ressource verkörpert.
  2. Ein „Money-Token“: eine unabhängig vom Asset-Token dauerhaft zirkulierende Einheit, die das aufgebaute Ökosystemleistungs-Potenzial rechnerisch abbildet und funktional an die Realisierbarkeit des Asset-Token gekoppelt ist.

Vereinfacht: Das Recht, den Asset-Token zum realen Commodity-Bezug einzulösen ist mit dem temporären Besitz von Money-Token im entsprechenden Verhältnis verbunden.

Die Money-Token bleiben damit dauerhaft im Umlauf, aber ihre Menge und Existenz ist strikt an eine nachweislich aufgebaute Ressource und damit an regenerierte ökologische Leistungsfähigkeit gebunden. Gleichzeitig bewirkt der temporär notwendige Besitz von Money-Token zur Realisierung der Asset-Token einen wirtschaftlich relevanten Wert der Money-Token. Der realisierbare Rohstoff, der mit dem Asset-Token verbunden ist, bildet die Reserve des Systems, die den Realitätsbezug sicherstellt.

Was sich bislang als Externalität einer inneren Bewertung entzog, kann auf diese Weise als Vermögenswert internalisiert werden. Dadurch entsteht eine permanente Verbindung zwischen einer bilanzierbaren Recheneinheit und der Existenz einer realen, regenerativen Ressource mit umweltpositiver Außenwirkung.

Dieses Modell wird im terra plena Projekt mit Biozyklischer Humuserde bereits praktisch umgesetzt. Der Dual-Token-Ansatz setzt damit bei der bestehenden Logik wirtschaftlicher Interessen an:

  • Er verändert die Art, wie Geld entsteht, und macht regenerative Leistung in Form von Money-Token buchhalterisch als Vermögen relevant.
  • Er lässt Macht und Verfügungsmacht grundsätzlich bestehen, koppelt sie aber an Symbiose statt an einseitige Extraktion: Konzentration ist nur dann möglich, wenn der zugrunde liegende Vermögensaufbau allen nützt.

Damit bleibt Geld – in diesem Fall eine private Komplementärwährung – eine Recheneinheit und ein Tauschmittel zwischen mikroökonomischen Einheiten, aber seine Verfügbarkeit ist an natürliche Gegebenheiten und ökologische Aufbauleistung gebunden.

Internalisierung von Externalitäten: Wettbewerb um Nachhaltigkeit

Wenn nur regenerative bzw. aufbauende Aktivitäten zur Verfügbarkeit neuer Geldeinheiten führen, verschiebt sich der ökonomische Wettbewerb automatisch:

  • Unternehmen konkurrieren nicht mehr darum, wer Ressourcen am billigsten verbraucht, sondern darum, wer Ökosystemleistungs-Potenziale am effektivsten aufbaut, denn diese Aktivität wird mit frischen Geldeinheiten belohnt.
  • Geld als Recheneinheit und Bewertungsmaßstab ist nicht nur Instrument zur Preisbildung, sondern gleichzeitig Nachweis regenerativer Wirkung.
  • Regeneration erzeugt zusätzliches Geld, statt Kosten zu verursachen.

Ich nenne dieses Prinzip „Internalisierung von Externalitäten“, weil bisher bilanziell nicht erfassbare ökologische Potenziale durch die monetäre Erfassung zu Vermögenswerten werden, die direkt die Geldmenge und damit die wirtschaftliche Dynamik beeinflussen. Die Folge ist ein systemischer Wettbewerb der Nachhaltigkeit: Nur, wer regenerativ handelt, erweitert überhaupt den Spielraum monetärer Wertschöpfung.

Ergebnis

Wir lassen Geld weiterhin als Tauschmittel zwischen mikroökonomischen Einheiten fungieren, sorgen aber dafür, dass jede neu geschaffene Geldeinheit Ausdruck von aufgebautem Ökosystempotenzial ist, nicht von dessen Verbrauch. Damit wird Kapital zu dem, was es eigentlich sein sollte: ein wachsendes Potenzial für Leben und Leistung, das sich nicht gegen seine eigene Grundlage richtet, sondern die planetaren Grenzen fortlaufend erweitert statt enger zieht.

Mehr Infos über meine Arbeit:

Dieser Artikel erschien erstmals auf LinkedIn.